Der Topf war zu klein. Samir hatte das schon gewusst, als er ihn aus dem Schrank nahm. Jetzt lagen die Kartoffeln bis fast unter den Rand, und beim Umrühren schwappte Wasser auf die Herdplatte. Mara stand in der Tür und sah zuerst auf die Pfütze, dann auf ihn.

„Du hast gesagt, es gibt wenig.“

„Wenig Arbeit.“

Sie stellte ihre Tasche auf den Boden. Der Stoff war an einer Ecke dunkel vom Regen. In Forbach hatte sie noch überlegt, einen anderen Mantel zu nehmen. Jetzt war sie in Saarbrücken und ärgerte sich über die eigene Vorhersage: Wird schon gehen. Es war gegangen, nur eben nass.

Samir schob mit dem Fuß einen Stuhl vom Tisch. Auf dessen Sitz lag ein Brief, den er schnell unter ein Heft steckte. Mara tat so, als hätte sie es nicht bemerkt. Sie zog die Strickjacke aus und legte sie über die Heizung.

Eine Nachricht später

Sie kannten sich seit dem Frühjahr. Bei einer Geburtstagsfeier hatten beide neben dem Fenster gestanden, weil dort noch Platz für zwei Gläser war. Mara hatte gefragt, ob man es öffnen könne. Samir hatte gesagt, er kenne die Wohnung auch nicht. Danach hatten sie gemeinsam am Griff gezogen und eine halbe Stunde über Dinge gesprochen, die mit diesem Fenster nichts zu tun hatten.

Für diesen Abend war kein besonderer Anlass verabredet. Nur Essen, wenn es nach der Arbeit noch passte. Um vier hatte Samir geschrieben: Kartoffeln. Um halb fünf hatte Mara geantwortet: Gut. Dann hatte sie ihr Telefon in die Tasche gesteckt und bis zur Ankunft nicht mehr daraufgeschaut.

Unterwegs war noch eine Nachricht gekommen. Kann sein, dass ich später fertig bin. Samir hatte eine lange Besprechung gehabt, die letzte halbe Stunde bestand fast nur aus neuen Uhrzeiten. Als Mara klingelte, war er gerade seit zehn Minuten zu Hause.

„Ich hätte warten können“, sagte sie.

„Hast du die Nachricht gesehen?“

Sie suchte das Telefon, las und hob die Schultern. Es war ein kleines Missverständnis, zu klein für Streit und groß genug, dass beide einen Moment nichts sagten.

Mara in ihrer rostroten Strickjacke am Küchenfenster.
Mara in ihrer rostroten Strickjacke am Küchenfenster. Illustration: Redaktion SaarLorLux Open.

Auf dem Tisch stand ein zweites Glas. Samir hatte es schon vor dem Einkaufen hingestellt. Mara sah es und setzte sich. Den nassen Mantel konnte sie später holen.

Wörter und ein kleiner Topf

Mara hatte in Metz studiert. In Saarbrücken war sie zunächst oft für Besorgungen gewesen, später auch wegen Samir. Er kannte Forbach bisher vor allem von ihren Beschreibungen. Eine Straße mit einer Bäckerei, eine Nachbarin, die jede Katze bemerkte, das Fenster ihrer Küche, dessen Griff klemmte. In seiner Vorstellung lagen diese Dinge erstaunlich dicht beieinander.

Er stellte Brot auf den Tisch. Mara fragte nach einem Messer und bekam einen Holzlöffel. Beide lachten, weil er sie wirklich falsch verstanden hatte. Es war keine große Sache. Trotzdem wiederholte sie das Wort noch einmal, als wollte sie es an den richtigen Platz legen.

Neben dem Brief lag ein kleines Wörterheft. Samir schrieb darin Ausdrücke auf, die ihm wiederholt begegneten. Manche waren wichtig, manche einfach merkwürdig. Einmal hatte Mara ein französisches Wort ergänzt, das er danach zwei Wochen lang bei jeder unpassenden Gelegenheit benutzte. Inzwischen blieb es im Heft.

„Lernst du noch?“

„Langsam.“

„Gut.“

Sie meinte das ohne Prüfung. Er musste heute nichts vorzeigen.

Ein kleiner Topf, zwei Gläser und Kartoffeln auf einem Küchentisch.
Ein kleiner Topf, zwei Gläser und Kartoffeln auf einem Küchentisch. Illustration: Redaktion SaarLorLux Open.

Als die Kartoffeln fertig waren, fehlte eine Schüssel. Der Schrank gab zwei tiefe Teller und eine flache Form her. Sie entschieden sich für die Teller. Mara hielt den Deckel schräg, während Samir das Wasser abgoss. Ihre Hand blieb dabei dicht an seiner. Er sagte Vorsicht, obwohl sie längst Abstand zum Dampf hielt.

Der erste Bissen war zu heiß. Der zweite hatte zu wenig Salz. Beim dritten war alles in Ordnung. Auf dem Tisch lag noch ein feuchter Kreis, wo Mara ihr Glas abgestellt hatte. Samir wischte ihn weg und machte mit dem Tuch einen größeren daraus.

Was in der Tasche bleibt

Am Nachmittag hatte Mara mit ihrer Freundin Léa telefoniert. Léa lebte in Luxemburg und hatte ein Regal aufzubauen versucht. Eine Schraube fehlte. Während des Gesprächs suchte sie auf dem Boden, schob das Sofa und beschwerte sich über die viel zu kleine Zeichnung in der Anleitung. Mara hatte ihr geraten, erst etwas zu essen.

Jetzt erzählte sie Samir davon. Er wollte wissen, ob das Regal stand. Sie wusste es nicht. Sie hatte keine neue Nachricht bekommen. Für einen Moment lag Luxemburg in einem fehlenden Schraubenteil auf ihrem Küchentisch.

Samir schob den Brief unter dem Heft hervor. Er hatte einen Termin falsch notiert und musste morgen anrufen. Mara fragte, ob sie ihn anschauen sollte. Er nickte und legte das Papier zwischen die Teller. Sie las die ersten Zeilen, dann die Datumsangabe. Es war weniger schlimm, als er gedacht hatte. Es war trotzdem noch zu erledigen.

Sie sprachen darüber, wann er anrufen könnte. Nicht darüber, was eine Grenze mit ihnen machte. Nicht darüber, ob ihre Beziehung besonders europäisch war. Der Brief verlangte eine Uhrzeit, und der Topf brauchte später Wasser zum Einweichen.

Maras und Samirs Hände neben dem offenen Heft am Tisch.Die grüne Stofftasche und ein Mantel neben einer geöffneten Küchentür.
Maras und Samirs Hände neben dem offenen Heft am Tisch. Illustration: Redaktion SaarLorLux Open. Die grüne Stofftasche und ein Mantel neben einer geöffneten Küchentür. Illustration: Redaktion SaarLorLux Open.

Noch eine Tasse

Mara holte ihre Strickjacke von der Heizung. Sie war an den Ärmeln noch feucht. Samir sagte, sie solle sie hängen lassen. Er konnte ihr etwas anderes geben. Sie blieb vor dem Tisch stehen und sah auf ihr Telefon. Es gab keine neue Nachricht von Léa.

Für die Rückfahrt musste Mara sich bald entscheiden. Sie hatte am nächsten Morgen früh etwas vor. Samir kannte die Uhrzeit inzwischen, fragte aber trotzdem noch einmal. Sie antwortete und fügte hinzu, dass sie den Mantel diesmal nicht vergessen würde. Er ging zur Tür und hob die grüne Tasche vom Boden.

Dann blieb sie doch für eine Tasse Tee. Nicht lange. Sie sagte es ausdrücklich, als wäre damit alles geregelt. Samir setzte Wasser auf und nahm einen größeren Topf, weil der kleine im Spülbecken stand.

Das Telefon vibrierte. Léa hatte ein Foto geschickt. Das Regal stand schief, hielt aber. Mara zeigte es Samir. Er sah lange auf die linke Seite und sagte, dort fehle bestimmt noch eine Schraube. Sie schrieb zurück: Erst Tee trinken.

Auf dem Tisch standen wieder zwei Gläser, diesmal mit heißem Wasser. Der Brief lag ordentlich gefaltet neben dem Heft. Die Tasche wartete an der Tür. Heute musste niemand erklären, warum er geblieben war.

Heute musste niemand erklären, warum er geblieben war.

Quellen und Einordnung

Vor-Ort-Reportage und Porträt der Redaktion SaarLorLux Open in Saarbrücken und Forbach, Oktober 2026. Bildungs- und Kulturjournalismus über das alltägliche Zusammenleben im Dreiländereck.

Die Beiträge dienen Bildungs-, Informations- und Kulturzwecken. SaarLorLux Open ist ein unabhängiges redaktionelles Angebot. Die Inhalte stellen keine Rechts-, Steuer-, Reise- oder Finanzberatung dar.